RUSSLAND TV Vom Elend der Russland-Reportagen – Teil 3
Zurück in den Städten muß sich der Korrespondent dann also wieder mit der Tagespolitik herumschlagen. Sagt er. Tatsächlich aber macht er sich sogleich wieder auf die Suche nach verkrachten Existenzen.
Thomas Roth
kämpft sich am 1. Mai schnurstracks durch ein gut gelauntes Moskau in
Partystimmung, umkurvt Frohsinn und Normalität und steuert zielstrebig
den Bahnhof an: dort gibt's Alkoholiker und Gestrandete satt - und genau
die will er haben. Es folgt: Investigativer Journalismus in besoffene
Gesichter und der Bericht zur Lage der Nation, von Russen, die den
vollen Durchblick haben: Journalisten Fragen, Alkoholiker antworten!
Roth hat für den Weltspiegel gerade wieder eine "Krise" in Russland
ausgemacht. Und wo's keine gibt, kann man sie ja herbeireden: Steht
der Roth also am 1. Mai auf dem Roten Platz und fragt: "Was halten Sie
denn von der Krise?" Antwortet der Russe: "Welche Krise?" Pech gehabt.
Falsche Antwort. Der nächste Bitte! Da sind die Säufer schon verläß-
lichere Partner. Im Zweifel machen die auch für wenig Geld, eine volle
Pulle, oder nur für ein bißchen Aufmerksamkeit was man will und für
einen anständigen Bericht braucht. Säufer suchen ist denn auch in der
Russland-Berichterstattung ein absolutes Muß: Iwan, der Säufer,
bestätigt sämtliche Russlandklischees, ein Traumprotagonist, Nasdrowje!
Da schweben in einem Zug auf der Strecke zwischen Moskwa und Stolich-
naya, wie von Geistes Hand, Wodkagläser durch die Abteile. Iwan Iwano-
witsch, noch müde vom durchzechten Arbeitstag und nun auf der Heimreise,
ist mächtig entzückt als ihm unsichtbare deutsche Hände, das Gläschen vor
die Nase halten - und greift freudig nach der Gage. Mal ganz was Neues:
Korrespondenten inszenieren die Wirklichkeit, so daß jeder die Inszenie-
rung als Inszenierung erkennt. In ihrer Säufer-Reportage "Nasdrowje!"
gibt Bröker einen tiefen Einblick in die russische Säuferseele. Auf
tiefschürfende Fragen: "Warum trinken Sie?" folgen gehaltvolle Antworten:
"Weil Sie mir gerade was eingeschenkt haben!" Für Bröker sind alle Russen
im Zugabteil Alkoholiker und Säufer - nur weil sie ein Gläschen in der
Hand halten, einfach nur schlafen, oder noch einfacher: weil sie Russen
sind. Von der herbeigeredeten Sauforgie in dem "stinkenden" Zug, ist
zwar auch bei genauerem Hinsehen keine Spur. Dafür aber trumpft die
Journalistin mit Fakten, Fakten, Fakten auf: 60.000 Alkoholtote jährlich
in einem Land, in dem es laut Reinhardt nicht nur am Tag, sondern auch in
der Nacht dunkel ist. Wenn das kein Grund ist. Dann fängt der Kameramann
noch schnell drei Torkelrussen ein. Was Bröker nicht sagt: Für Deutsch-
land und Frankreich ermittelt man ziemlich genau die selbe Zahl Alkohol-
tote. Wenn man nun die Einwohnerzahlen der drei Länder miteinander ver-
gleicht, kann sich jeder darauf seinen eigenen Reim machen - und freuen
auf die nächste entlarvende ARD-Reportage. Intro: Bierflaschen schweben
durch den ICE oder eine Boing. 747 Ballermänner unterwegs und Harald
Juhnke im Bierzelt als Experte. Die Reportage, ausgestrahlt zu Karne-
vall, wird natürlich "Prost" heißen, Untertitel: "Gerstensaft schmiert
deutsche Leber.
Zurück nach Russland. Immer wieder auf den Wunschzetteln von Öffent-
lich und Privat stehen neben den Säufern auch auch die Betteljungs.
Top Drehadressen sind Quartiere unter Gullideckeln - und dann eine
Runde Kleber schnüffeln bis die Linsen beschlagen. Sind die Kids
dann so richtig hey, stellen die Journalisten Fragen: Z.B, wie es
sich denn so lebt im winterlichen Russland, bei xy Grad und was sie
denn mal Schönes werden wollen. Da lachen die Jungs beschwippst, denn
nach dem Berufswunsch hat sie schon lange keiner mehr gefragt. Naja,
sagt da einer, er gehe halt zur Mafia, was denn sonst. Da lachen die
Jungs wieder und auch der Reporter ist bester Stimmung. "Gestorben"
sagt der und meint damit, daß die Szene im Kasten ist: gut gelaufen,
Aufstieg aus der Gulliwelt und ab ins Studio. Die Kids bleiben im Loch.
( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur
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